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Aus der Praxis
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YouTube Jugendwettbewerb gegen Ausgrenzung gestartet Türkische Fachkräfte besuchen JMD Fachaustausch mit der Türkei Termine
16. 09. 2010
Berlin 16. 09. 2010 Berlin 23. 09. 2010 Berlin Neu eingestellt
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"Beim JMD Essen steht die aufsuchende Sozialarbeit im Mittelpunkt unserer Arbeit", erklärt Colaks Kollege Jens Buschmeier. "Wir verstehen die Situation, die Schwierigkeiten des Einzelnen erst richtig, wenn wir ihn oder sie auch einmal zu Hause, im normalen Lebensumfeld, getroffen haben". Eine andere Form, mit jungen Migrantinnen und Migranten zu arbeiten ist das Projekt JuMiLo. Die Idee: Junge Migrantinnen und Migranten als Lotsen einzusetzen. Ihre eigenen Erfahrungen im neuen Land geben diese schon länger in Deutschland Lebenden dabei an ihre Altersgenossen weiter. Die Probleme junger Migranten sind bundesweit die Gleichen, erfahren die türkischen Sozialarbeiterinnen in Essen: Der ungeklärte Aufenthaltsstatus, die Frage nach der geeigneten Schulform, die Mühe einen passenden Ausbildungsplatz zu finden, der insbesondere den eigenen Kenntnissen der deutschen Sprache entspricht.Den türkischen Besuchern der drei Jugendmigrationsdienste in Bonn, Köln und Düsseldorf wurde ebenfalls die Arbeit vor Ort vorgestellt, einzelne Aufgabenschwerpunkten besonders hervorgehoben. In Köln suchten die Sozialarbeiterinnen zum Beispiel eine Einrichtung in migrantenreichen Stadtteil Chorweiler auf. Dort sitzt der JMD mit drei weiteren Einrichtungen in einem "Interkulturellen Haus" unter einem Dach. Die unterschiedlichen Angebote, zu denen neben den Aufgaben des JMD auch ein, speziell auf die Bedürfnisse von Migranten zugeschnittener interkultureller Sozialdienst der Stadt gehört, ergänzen sich. "Heutzutage müssen alle Möglichkeiten der Vernetzung genutzt werden", betont Markus Kaufmann vom JMD Köln das Konzept und weist darauf hin, dass die verschiedenen Angebote für im Stadtteil Chorweiler lebende Menschen mit Migrationshintergrund auch im Internet miteinander verwoben präsent sind.In Essen steht heute noch der Besuch der Ausländerbehörde auf dem Programm. Irritiert sind die türkischen Gäste von den Sicherheitsschleusen und Taschenkontrollen am Eingang des Gebäudes. Und auch davon, dass, obwohl die Migrantenorganisationen in Essen in dem Gebäude ein gemeinsames Büro für Erstberatung unterhalten, die Ausländerbehörde die Fachkompetenz der dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen kaum in Anspruch nimmt. "Die schauen leider zu selten über ihren Tellerrand", bedauert Bilge Colak die Zusammenarbeit mit dem Amt. Dabei ist die Einrichtung des Angebotes der Erstberatung durch die Migrantenorganisationen ein Ergebnis des neuen Zuwanderungsgesetzes aus dem Jahr 2005.Unterschiede und GemeinsamkeitenDie türkischen Kolleginnen ziehen nach den Hospitationstagen eine positive Bilanz. Die Integrationsbemühungen seien deutlich zu erfahren, sagt eine der Sozialarbeiterinnen. Auch wenn noch nicht alles reibungslos funktioniere, "besonders gefällt mir, dass staatliche Institutionen und freie Träger sozialer Arbeit überhaupt zusammenarbeiten." Dies sei wichtig, weil nur so auch eine gewisse gegenseitige- und Selbstkontrolle funktioniere, betont sie. Inhaltlich kann sie keine großen Unterschiede zur sozialen Arbeit in der Türkei feststellen. Der grundsätzliche Unterschied läge darin, dass die Ausgangssituation sich in Deutschland und der Türkei unterschieden. "Während zu euch die Menschen aus anderen Ländern kommen, müssen wir auf eine starke Binnenmigration innerhalb der Türkei reagieren." Menschen mit einem geringeren Bildungsstand, mit konservativ-traditionellen Werten kämen aus ländlichen, aus strukturschwachen Gegenden in die großen Städte.Eine ihrer Kolleginnen ist nach den Praxistagen bei den JMD begeistert über die seltene Möglichkeit, sich überhaupt mit Kolleginnen und Kollegen aus einem anderen Land einmal austauschen zu können. Viele Ansätze Migrant/-innen zu helfen seien in Deutschland und der Türkei tatsächlich ähnlich, betont die Sozialarbeiterin, die in Antalya Menschen in einem Problem belasteten Stadtteil ihre Begleitung und Unterstützung anbietet. Doch sie stellt auch Unterschiede in der Arbeit fest: "Bei uns wird immer die ganze Familie in den Hilfeprozess mit eingebunden." So bekommen die Kinder eines Migrantenpaares Hausaufgabenhilfe angeboten soweit nötig, Frauen werden über ihre Rechte aufgeklärt, "auch gehen wir mit den Menschen ins Kino und Theater, um ihnen die Vielfalt von Kultur näher zu bringen", erklärt sie.Mit einem kulturellen Highlight enden auch die Praxistage des deutsch-türkischen Fachkräfteaustausches: Zum Abschluss treffen sich die Teilnehmenden in Düsseldorf. Der dortige JMD führt das Theaterstück Jeruville auf. Aus Schiffscontainern bauen sich sozial, kulturell und religiös unterschiedliche Jugendliche eine eigene Stadt und spielen darin Theater. Trotz der sprachlichen Barriere sind die türkischen Kolleginnen ebenso wie die Deutschen fasziniert und begeistert - die Energie der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler teilt sich auch nonverbal mit. Und so reist eine müde, aber zufriedene Gruppe spätabends zurück nach Köln…
In Deutschland haben die Jugendmigrationsdienste jedoch noch weitere Aufgaben, weil das deutsche Jugendhilfesystem viele verschiedene Behörden und Spezialangebote kennt: sie vermitteln die Jugendlichen weiter und bemühen sich zudem um die interkulturelle Öffnung der Partner vor Ort. In der Türkei hingegen sind die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für sämtliche Anliegen gleichermaßen zuständig. "Wir machen alles alleine und an einem Ort, deshalb finde ich das deutsche Vorgehen manchmal etwas verwirrend", gesteht eine türkische Teilnehmerin.Deutsch-türkische TeamsitzungUnd wie agieren die deutschen und türkischen Fachkräfte in konkreten Situationen? Fallbeispiele aus Deutschland und der Türkei kommen auf den Tisch und drei gemischte Fachgruppen diskutieren mit viel Elan mögliche Lösungsansätze. Dabei debattieren sie insbesondere über die rechtlichen Möglichkeiten, die in beiden Ländern den Rahmen der Arbeit bestimmen. Ein entscheidender Unterschied: Die deutsche Jugendsozialarbeit agiert auf freiwilliger Basis und kann deshalb nur Empfehlungen aussprechen, die Türkinnen haben als Vertreterinnen des Sozialamtes zum Beispiel die gesetzlich festgelegte Möglichkeit, gefährdete Jugendliche aus deren Familien herauszunehmen. "Unsere Gruppe hat eine regelrechte Teamsitzung abgehalten - wir haben ganz konkret an dem Fall gearbeitet und uns sehr intensiv beraten", freut sich ein deutscher Teilnehmer. Und seine türkische Kollegin ergänzt: "Es ist doch sehr motivierend, wenn die ausländischen Kolleg(inn)en das eigene Vorgehen grundsätzlich als richtig bestätigen."Mehr Action bitte!Wie kann es nun gemeinsam weitergehen? Eine geeignete Plattform ist der Community-Bereich im Onlineforum "Youth and European Social Work (YES)" der BAG Evangelische Jugendsozialarbeit. Hier können Fachkräfte sich und ihre Projekte in einem Profil vorstellen und miteinander diskutieren. Der Clou: Die geposteten Beiträge werden übersetzt, so dass beide Seiten problemlos kommunizieren können. Auf diese Weise könnte das Forum ein Ort werden, sich Anregungen und kollegiale Hilfe für konkrete Problemstellungen über die Grenzen hinweg zu organisieren. Auch Veranstaltungshinweise sowie Arbeitshilfen und Materialien, die für die deutschen und türkischen Kolleg/-innen gleichermaßen interessant sind, können hier ausgetauscht werden. Eine gute Möglichkeit, dadurch das deutsch-türkische Netzwerk auszubauen und weitere Multiplikatoren zu gewinnen.ZukunftspläneDer deutsch-türkische Fachaustausch wird weitergehen, so lautet das Signal aus der Politik. Ideen und Wünsche für eine künftige gemeinsame Arbeit sind bei den Fachkräften auch schon da: mehr Hospitationen sollte es für beide Seiten geben, möglichst über mehrere Wochen. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aus Deutschland könnten dann in einer türkischen Familie leben und den Alltag kennen lernen, um in Deutschland mit einem erweiterten Verständnis für die türkische Kultur erfolgreicher arbeiten zu können. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aus den neuen Bundesländern sollten verstärkt über den Fachkräfteaustausch informiert werden. Hier bestehe ein dringender Bedarf, türkischen Fachkolleginnen und -Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen. Zudem wünschen sich die Teilnehmenden, dass junge Ehrenamtliche in beiden Ländern, die kurz vor einem Studium im Bereich Sozialarbeit stehen, in den Kreis integriert werden. Eine weitere Idee: Die türkischen Stadtteilzentren könnten eine Art Vor-Integrationsarbeit leisten und jene Gruppen informieren und beraten, die nach Deutschland weiterreisen wollen.Erfolgreich? Evet!Das Fazit am Ende einer arbeitsreichen und intensiven Woche fällt positiv aus. Der Austausch in der Gruppe und der Mix aus Theorie und Praxis habe einen wertvollen Einblick geliefert und Verständnis für die Arbeitsbedingungen der Kolleg/-innen hervorgerufen: "Wenn ich in Deutschland arbeiten würde, würde ich genauso arbeiten!", sagt eine türkische Teilnehmerin. Energie und Motivation für ihre Arbeit vor Ort haben beide Gruppen gewonnen - und das gute Gefühl, nicht allein zu sein mit den täglichen Anforderungen, bei allen strukturellen und kulturellen Unterschieden ähnliche Sichtweisen zu haben.
Letzte Bearbeitung durch: Yorck Weber (19.08.2010) | ||||||||||||||||
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